Griechenlandurlaub im Mai 2010 – Athen und Naxos
Wer hätte gedacht, dass eine Griechenlandreise im Mai 2010 zu einer
vermeintlichen Abenteuerreise würde!? Wem ich in den Tagen vor meiner
Abreise erzählte, wohin meine Reise führen wird, bewunderte oder lobte
mein Vorhaben. Als dann zwei Tage zuvor während einer großen
Demonstration in Athen bei einem Brandanschlag auf eine Bank drei
MitarbeiterInnen ums Leben kamen, war das Staunen groß, dass ich immer
noch nach Griechenland fliegen möchte.
Angesichts der Berichterstattung in den Medien war natürlich auch ich,
als langjährige Griechenlandreisende, sehr gespannt, was mich nun in der
Realität dieses Mal erwarten würde.
Aber um es gleich vorwegzunehmen:
Ich erlebte keinerlei Ausfälle der Verkehrsmittel, keinerlei
Unannehmlichkeiten, dafür herzliche Gastfreundschaft, große Freude über
uns - leider wenige - Touristen und viele intensive und spannende
Gespräche über die derzeitige Situation in Europa.
In den Außenbezirken Athens war keinerlei Veränderung zu spüren; im
Zentrum der Stadt herrschte betroffene Stille, Trauer. Die Spuren der
Wut waren allerorten erkennbar. Graffiti, herausgemeißelter
Bodenbelag, zertrümmerte Schaufensterscheiben, Farbbeutelspuren…
Ansonsten geht das Leben in der Hauptstadt seinen immer kontrastreicheren Gang.
Auf der einen Seite die Cafés und Restaurants, Clubs und Discos, die
aktuell besonders um die Metrostation Kerameikos bestens gefüllt sind,
mit unzähligen jungen Leuten, die hier zum Schönheitswettbewerb antreten
und auf jeden Fall gewisse Geldmittel ihr Eigen nennen.
Auf der anderen Seite die sichtbare Not vieler Menschen, die in dieser
teuren Stadt nicht gut leben: manche Losverkäufer oder die vielen
gestrandeten Afrikaner, die mit ihren mobilen Verkaufsständen immer auf
der Hut vor der Polizei sein müssen oder die Roma, die – ähnlich wie in
Deutschland - auf den Straßen betteln oder die Autofenster wischen.
Athen ist eine zwiespältige, eine anstrengende und zugleich höchst interessante Stadt.
Immer wieder ein Erlebnis ist ein Spaziergang durch das angenehm ruhige
Viertel Anafiotika, das sich an den Akropolishügel schmiegt. Die
Architektur mit seinen kleinen, weißgetünchten und kubischen Häusern und
engen Gassen erinnert an die Kykladenarchitektur, die die Inselbewohner
von Anafi mitbrachten, als sie sich im 19.Jh. hier ansiedelten. Von den
höchsten Punkten des Viertels genießt man einen wunderbaren Blick über
die Plaka und über die Häuser hinweg zur höchsten Erhebung der
Innenstadt, zum Lykabettos Hügel, einer Miniaturausgabe des
brasilianischen „Zuckerhutes“, auf dessen Spitze ein kleine Agios
Georgios Kirche thront.
Es lohnt sich, dort einen Sonnenuntergang zu erleben, in dem in warmes
Abendlicht getauchten Häusermeer zu baden. Je nach Temperatur erreicht
man den Lykabettos-Gipfel auf einem Fußweg durch teils schattigen Wald
oder aber man lässt sich bequemer von einer Zahnradbahn hinaufrattern.
Auch der Hügel des Filopappou ist einen Abstecher wert –
verhältnismäßige Stille, dem Verkehrslärm entrückt. Es öffnet sich ein
besonders schöner Blick auf die direkt gegenüberliegende Akropolis.
Vielleicht hüpft vor Ihnen auch ein Wiedehopf über den Weg?
Ein Vogel, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere, ihn aber nun
schon Jahrzehnte nicht mehr gesichtet hatte. Es scheint fast, als hätten
sich die deutschen Wiedehopfe nach Athen „zurückgezogen“?
Auch auf dem Gelände des antiken Friedhofs Kerameikos tummelten sie
sich; zudem haben dort Schildkröten und andere Kröten und Frösche ihren
Lebensraum – dank des Bächleins Eridanos. Im Frühling versteckt sich der
Bach unter wunderschön, in einem kräftig, dunklen orangenen Blüten.
Vielleicht findet abends im Theater Herodes Atticus oder im
Kulturzentrum Gazi, einem alten Gaswerk, ein Konzert statt oder eines
der idyllischen Freiluftkinos zeigt einen attraktiven Kinofilm.
Ein besonderes Erlebnis dürfte – für Liebhaber griechisch-traditioneller
Musik – der Besuch der wohl noch einzig übrig gebliebenen
Bouat-Musikkneipe in der Plaka sein.
Von den unzähligen Museen der Stadt seien zwei herausgestellt.
Zum Einen das neue Akropolis-Museum – die Architektur wirkt, als wäre
ein Ufo gelandet, die letzten dort in der Nachbarschaft noch stehenden
Häuser des 19. Jahrhunderts erdrückend; auf der Rückseite gleicht es
einem hässlichen Einkaufszentrum. Doch die Präsentation der Fundstücke
hat glücklicherweise sehr gewonnen. Wir bekommen die verschiedenen
Bauwerke der Akropolis mit ihren Funden übersichtlich präsentiert; alles
ist klar beschriftet. Jedes einzelne Werk erheischt unsere
Aufmerksamkeit gleichermaßen. Im obersten Stockwerk finden wir eine
„Rekonstruktion“ des Parthenon-Tempels, mit seinem Metopen-, Fries- und
Giebelschmuck. Möchte man seinen Augen zwischendurch etwas Weitsicht
gönnen, so fällt der Blick auf den wirklichen Parthenon-Tempel auf dem
Akropolis-Hügel.
Zum Anderen sei auf das interessante Museum eines griechischen Malers
des 20.Jahrhunderts, Spiros Vassiliou, aufmerksam gemacht, nicht weit
entfernt vom Herodes Atticus-Theater gelegen. Das jetzige Museum war
sein Wohn-Atelierhaus; es atmet eine besondere Atmosphäre der fünfziger
und sechziger Jahre. Man mag sich bestens vorstellen, wie Vassiliou hier
nicht nur produktive Arbeitsbedingungen vorfand, zwischen all den
inspirierenden kunstgewerblichen Gegenständen und den unzähligen
Büchern; sondern auch, wie hier die Freunde aus Kunst und Kultur ein-
und ausgingen und oft gefeiert wurde.
Naxos, diese wunderschöne, größte aller Kykladen-Inseln, lässt sich
entweder durch einen kurzen Flug von Athen aus erreichen; oder aber man
schippert in einer gemächlichen, etwa sechs Stunden währenden Fahrt
dorthin. In der Regel legt zwei Mal am Tag in Piräus eine Fähre ab, mit
etwas Glück wird diese sogar von Delphinen begleitet.
Naxos ist vielseitig; so wird für jeden Geschmack etwas geboten.
Traumhaft lange und breite Sandstrände an der Westküste locken zum
Sonnenbad und zu Strandwanderungen. Das Schwimmen im klaren Wasser ist
himmlisch; vor allem nach einer schweißtreibenden Wanderung durch die
Berge.
Bis zu 1000 Meter Höhe können erklommen werden, mit atemberaubenden
Blicken über die ägäische Inselwelt. Malerisch schön durchziehen alte
Pflasterwege das Eiland, im Frühjahr begleitet von gelb leuchtenden
Ginsterbüschen oder rotblühenden Klatschmohnfeldern.
Mit der Zeit schärft sich der Blick auch für die gut getarnten,
mittelalterlichen, byzantinischen Kirchlein, die sich oft kaum von ihrer
steinigen Umgebung abheben. Vielleicht ist die eine oder andere Kirche
sogar geöffnet; innen verbergen sich noch manch prächtige Freskenreste.
Wie herrlich ist ein Spaziergang durch kühlende Täler, an rauschenden
Bächen entlang, durch Steineichenwälder oder Olivenhaine hindurch. Oder
man steht staunend in den antiken Steinbrüchen vor den dort
verbliebenen, in Stein gemeißelten jungen Männern, den Kouroi, oder
genießt weitere Plätze besonderer Ausstrahlung, wie der des
Demeter-Tempels.
Viele Ortschaften warten mit viel eigenem Charme auf, wie die
autofreien, am Hang gelegenen Bergdörfer Filoti oder Apiranthos, oder
Chalki, früher die Hauptstadt der Insel, mit seinen prachtvollen Häusern
aus dem 19.Jahrhundert und der Kitron-Brennerei. Der dort hergestellte
Likör wird aus den Blättern des Kitron-Baumes gewonnen, einem Verwandten
des Zitronen-Baumes, nur mit wuchtigeren Früchten.
Besonderer Anziehungspunkt der Insel ist die Chora, die heutige
Hauptstadt von Naxos , mit seinen verwinkelten und engen Gassen,
Durchgängen, überspannt von Torbögen, das Ganze überkrönt von einem
Kastro, einer venezianischen Gründung aus dem 12.Jahrhundert. Bis heute
ist dieses Burgviertel in seiner Bausubstanz gut erhalten; es birgt
einige Museen und Kirchen zur Besichtigung.
Eine Möglichkeit ist es, das Urlaubsquartier in der Chora aufzuschlagen,
um in aller Ausführlichkeit die Kunstschätze der Stadt kennenzulernen.
Zum Ausgehen steht eine große Anzahl von Tavernen und Cafés zur Auswahl,
für den späteren Abend auch eine Menge Bars.
Außerdem lässt sich von hier aus die Insel ganz gut mit Bussen erkunden.
Wem der schöne, aber auch belebtere Stadtstrand Agios Georgios zu
beengt wirkt, fährt mit dem Bus in ca. 10 bis 15 Minuten nach Agios
Prokopios. Von dort aus zieht sich kilometerlang der Sandstrand gen
Süden; mit Sicherheit lässt sich ein lauschiges Plätzchen finden,
entweder unter einem mitgebrachten oder gemieteten Sonnenschirm.
Natürlichen Schatten gibt es wenig, es sei denn früh am Morgen im
Schutze der Dünenlandschaft.
Eine andere Variante ist es, da draußen zu wohnen, den Traumstrand vor
der Türe. Unzählige kleine, hübsche Anlagen oder einzelne Appartements
stehen zur Auswahl.
Auf Naxos finden alle ihr Plätzchen. Familien mit Kindern an den idealen
Sandstränden, ebenso die Sonnenhungrigen. Platz ist für alle da, wohl
auch im Hochsommer, wenn zudem griechische Urlauber ihre Sommerferien
dort verbringen. Die Kunst- und Kulturbegeisterten erkunden die antiken
und mittelalterlichen Zeugnisse, hübsche Ortsanlagen. Die Naturfreaks
wandeln auf den alten Pfaden. Wer viel Unterhaltung sucht, findet diese
in der Chora.
Der griechische Tourismus steckt derzeit in einer Krise. Immer wieder
lesen wir von zurückgehenden Urlauberzahlen. Zum Einen liegt dies an
der fortwährend einseitigen Berichterstattung in den Zeitungen, die vor
allem über Streiks und Teuerungen berichten.
Doch andererseits nimmt sich das Land – und das nicht erst in jüngster
Zeit – immer noch zu wenig seiner vorhandenen Schätze an, die den
Tourismus ein Stück weit neu ankurbeln könnten; ausgenommen die Zeit der
Antike.
Viele Kulturgüter aus späterer Zeit sind dem Verfall preisgegeben. Warum
wird nicht dafür gesorgt, dass die byzantinischen Kirchlein oder auch
andere historische Zeugnisse entlang der Wanderwege erhalten bleiben?
Naxos hätte genügend davon, um einige kulturhistorische Wege zu
markieren und diese in einem Wanderführer zu beschreiben.
Auch der Zustand der Wege lässt gelegentlich zu wünschen übrig. Dann ist
pfadfinderischer Instinkt gefragt, um sich zu orientieren, und lange
Hosen, um sich vor dem über die Wege wuchernden Macchia-Gestrüpp zu
schützen.
Die Sporadeninsel Skiathos könnte Naxos zum Vorbild dienen. Dort hält
ein Deutscher die alten Wege instand; dazu hat er einen Wanderführer
geschrieben. Das spricht sich herum, so dass auch in der Vor- und
Nachsaison mehr Touristen kommen, um auf Schusters Rappen durchs Land zu
ziehen.
Naxos hat einiges noch oder wieder schlummerndes Potential. Wird dieses
mehr ausgeschöpft, werden auch in der Nebensaison nicht so viele Betten
leer bleiben. Krise hin oder her.